Achtsamkeit im Studium an der Wirtschafts-Universität

Achtsamkeit im Studium an der Wirtschafts-Universität

Achtsamkeit im Studium an der Wirtschafts-Universität

Mit dem Seminar “Achtsames Management – achtsame Organisationen” ist Mindfulness auch in der Lehre an traditionellen Universitäten angekommen. Das Department Management der Wirtschafts-Universität Wien, Fachbereich HR, mit Prof. Müller-Camen traut sich was und bietet im Sommersemester den Studierenden wieder neue Perspektiven auf Management und Unternehmen. Nach einem ersten erfolgreichen Kurs bereits im letzten Semester (mit Dr. Ulrike Pastner). Mutig und klasse, und dringend zur Nachahmung empfohlen, wie ich meine.

Achtsamkeit im Studium an der Wirtschafts-Universität

Achtsamkeit im Studium an der Wirtschafts-Universität

Bei mir brauchte Prof. Müller-Camen keine lange Überzeugungsarbeit leisten, als er mich fragte, ob ich den Kurs übernehmen möchte. An seinem Lehrstuhl an der Wirtschafts-Universität Wien forscht der deutsch-stämmige Professor u.a. über “nachhaltiges HR-Management” und gehört zu den Pionieren, die dem Achtsamkeits-Konzept schon früh Bedeutung für Management und Unternehmen beimaßen.

“Zuerst mal ganz auf den Atem konzentrieren …”

Achtsamkeit für Studierende also, die bereits in Unternehmen arbeiten oder in Kürze dort erste Funktionen übernehmen. Denen man in Sachen betrieblicher Realität kein X für ein U vorzumachen braucht. Wo also beginnen? Klar war recht schnell, dass Achtsamkeits-Übungen essentieller Bestandteil des Seminars sein werden. Ohne direkte Erfahrung und Introspektion kann es weder Verständnis von Achtsamkeit noch eine Auseinandersetzung mit den Achtsamkeits-Konzepten geben. War ich überzeugt und ich lag damit richtig. “Die Bedeutung von Achtsamkeit war mir vor dem Kurs nicht bekannt, folglich wusste ich nicht, was mich erwarten würde. Daher finde ich es umso verblüffender, wie sehr sich die Achtsamkeitspraxis auf den eigenen Zustand und den Alltag auswirkt”, beschreibt eine Studierende ihren Einstieg.

Zwei ganz praktische Nutzen der zu Beginn und während jeder Einheit durchgeführten Achtsamkeits-Übungen sind schnell ersichtlich. Die Studierenden waren von Anfang an präsent, “ganz da”, und nicht noch in der Pause oder beim Frühstück. Und wenn immer wieder mal die Konzentration nachlässt, dann helfen 5 Minuten fokussiertes Gehen, eine Atem-Übung oder eine Körper-Fokus-Übung, schnell wieder in einen Zustand wacher Aufmerksamkeit zu gelangen. Damit lassen sich selbst längere Kurse ohne kognitive und körperliche Ausfallserscheinungen produktiv durchstehen – zur Freude aller. Und kein Dozent der Welt sollte sich noch länger den Blick in müde Gesichter zumuten. Einfach dran denken: Es gibt immer auch die “Mindful Solution”.

Vom alten Indien bis MBSR

Inhaltlich beleuchteten wir zunächst die Achtsamkeitskonzepte und deren Hintergründe von den Wurzeln im Buddhismus vor 2.500 Jahren bis hin zum modernen MBSR-Konzept von Jon Kabat-Zinn. Doch bald schon rückte ins Zentrum, mit was wir uns die ganze Zeit beschäftigen sollten. Der MIND. “Was wissen Sie eigentlich davon? Wissen Sie, wie Sie ticken? Schon mal das Gehirn bei der Arbeit beobachtet?”, waren die Fragen, die jene Wahrnehmungs-Übungen begleiteten, bei denen uns unsere Wahrnehmung Streiche spielt. Und die zeigen, wie wenig wir im Alltag doch unser Gehirn steuern (können). Aber genau darum geht es ja im Kern bei der Anwendung von Achtsamkeit: die Steuerung unserer Aufmerksamkeit. Damit wir jenen Automatismus verlassen können, der uns nur allzuoft von der Wirklichkeit wegbringt, der uns nur allzuoft dran hindert, wirksam zu sein.

Wirksamkeit erhöhen

Kern des Seminars sind die Betrachtung von Management- und Führungsfunktionen in der Perspektive von Achtsamkeit. Wie wird der Manager, wie wird die Führungskraft wirksamer, wenn Sie ihre Aufmerksamkeit besser zu steuern lernt? Das individuelle Achtsamkeitskonzept von Ellen Langer und der organisationale Achtsamkeits-Ansatz von Karl Weick sind Ausgangspunkt für Analysen und Diskurs. “Was heißt das für Entscheidungsfindung?”, so eine der Fragen, wenn wir uns mit Wahrnehmungsbreite und –tiefe und deren Steuerung befassen. “Welche Konsequenzen hat das für die Personalentwicklung?”, lautet eine andere Frage, wenn wir die Empathie-Triade von Daniel Goleman durchleuchten. “Wie läßt sich die Team-Kommunikation durch Achtsamkeit verbessern?”. Dazu nehmen wir nicht nur Edgar Scheins “Humble Inquiry”, sondern auch Otto Scharmers Ebenen des Zuhörens zur Hilfe. Und die Studierenden trainieren das achtsame Zuhören mit den sogenannten “Dialogue Walks” auch gleich in der Praxis.

“Können auch Organisationen achtsam sein oder werden?” ist sicherlich eine der Kernfragen des Seminars. Karl Weicks frühe Ausarbeitungen über High Reliability Organisations sowie jüngere Arbeiten, wie die von Annette Gebauer “Von Krisen und Katastrophen lernen”, werden herangezogen, um diese über das Individuum hinausgehenden Aspekte zu beleuchten. Hieran wird auch das transformative Potenzial von Achtsamkeit in Organisationen deutlich: über die Verbesserung der individuellen Selbstwirksamkeit hin zur Gestaltung der Organisationskultur. Mit einem Gastvortrag beleuchtet Ex-Managerin Dr. Martina Esberger-Chowdhury ihre Erfahrungen mit Mindfulness in Großunternehmen

“Reflective and generative learning”

Selbstwahrnehmung und Fähigkeit zur Selbstreflexion bilden nicht nur Kernelemente angewandter Achtsamkeit im Unternehmen. Auch im Seminar wird immer wieder gefragt: “Wie wirkt das auf mich? Welche Gedanken habe ich dabei? Welche Empfindungen?”. Sich selbst besser zu verstehen ist eine der Lernziele einer jeden Achtsamkeitspraxis. Ein Studierender am Ende des Kurses”: “Daher habe ich in den letzten Wochen bewusst versucht, genau diese Achtsamkeit in mein tägliches Leben zu integrieren. Das bewusste Handeln und Reflektieren hat mich nicht nur persönlich gestärkt, sondern auch produktiver und zugleich ausgeglichener gemacht”.

In mehreren Gruppenarbeiten und in Einzelarbeiten reflektierten die Studierenden auch über die Übertragung in den betrieblichen Alltag. Und machen sich dabei keine Illusionen: “In der Arbeit selber wurde ich anfänglich dumm angeschaut und auch freundschaftlich belächelt, dass ich diese ‘Mädchenübungen’ mache. Jetzt nach knapp zwei Wochen machen schon drei Leute mit und wir machen die Übungen zusammen”. Und eine andere Studierende ergänzt: “In der Arbeitswelt bei ‘xxx’, meinem Arbeitgeber, könnte ich mir konkret vorstellen, dass man vor meetings sich eine Minute Zeit nimmt, um anzukommen. … Auch die Zeit in meetings würde sich dadurch verkürzen, was wiederum mehr Zeit schaffen würde, um konzentrierter zu arbeiten”. Und ein anderer reflektierte den enormen Grad an Ablenkungen im Unternehmen und schlussfolgerte: “Es müssen auch die Sichtweisen geändert werden – z.B. dass E-Mails nicht mehr sofort beantwortet werden”.

Für mich ist es eine Freude, mit den offenen, neugierigen und in hohem Maße refle-xionsfähigen Studierenden an dieser “neuen” Materie zu arbeiten. Das Interesse und die Qualität der Beiträge zeigt, das Achtsamkeit zum integralen Bestandteil eines jeden Studiums, insbesondere in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, werden sollte. Und der Bedarf der Unternehmen heute nach “Mindful Solutions” ist genauso enorm, wie der von Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt.

Ich wünsche Ihnen achtsame Tage

Herzlichst,

Ihr Friedhelm Boschert

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2 Comments

  • Prof. Reinhold Boschki, Universität Tübingen 23. April 2017 at 7:55 pm

    Das alles klingt höchst spannend und interessant. In Zeiten der Modularisierung, des Rennens nach Creditpoints und Workload, scheint uns die Zeit für Achtsamkeit in der Hochschullehre abhanden gekommen zu sein. Mindful solutions kann da wichtige Impulse setzen.

  • Ulrike Pastner 9. Mai 2017 at 11:07 am

    Wirklich ein schöner Bericht von Deinem WU Seminar. Danke dafür!

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